Dreiländermarathon: Hinter den Kulissen bei Skinfit, ein tubaspielender Geister-Barfuss-Läufer und das Rätsel der 140 Isländer

Dreiländermarathon: Hinter den Kulissen bei Skinfit, ein tubaspielender Geister-Barfuss-Läufer und das Rätsel der 140 Isländer

Zugegeben: Das Leben als Laufblogger ist nicht nur grauenhaft. Etwa dann, wenn man eingeladen wird, an schönen Orten schöne Läufe zu laufen. Wenn einer der Hauptsponsoren  jene Funktionslaufzeugmarke ist, auf die man ganz zufällig ziemlich abfährt, man zum „Hallo“-Sagen kurz mal vorbeischauen und auch gleich noch ein bisserl Sneakpreview spielen darf, ist das auch nicht sooo übel. Außerdem gibt es da noch einen Tiroler, der barfuss im Frack den Marathon in Gegenrichtung laufen wird – und 140 Isländer, die es hierher verschlagen hat.

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©Tom Rottenberg

Aber der Reihe nach: Vor ein paar Monaten rief Dieter Heidegger wieder mal an. Heidegger ist PR-Mann und hat mich unter anderem vergangenen Winter zum Heliskiing nach Georgien mit einem seiner Kunden gebracht. Diesmal, so Heidegger, ginge es aber nach Westen. Es würde eben bleiben – aber dennoch anstrengend werden: Ob ich Lust hätte, beim Dreiländermarathon am Bodensee zu laufen. Korrekt, betonte Heidegger, hieße der übrigens „Sparkassen-Dreiländermarathon.“ No na hatte ich Lust.

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©Tom Rottenberg

Nur kam mir blöderweise im Sommer dann eine Verletzung dazwischen: Die Volldistanz würde es also nicht werden. Plan B? Ja: Der Halbmarathon. Genauer: Den Skinfit-Halbmarathon, sagte Heidegger. Bei mir klingelte es: Dass ich auf die Vorarlberger Tri-, Lauf- und Multisportmarke stehe, ist kein Geheimnis. Und ich bin da in allerbester Gesellschaft: In der vieler meiner Freunde nämlich. Und etlicher Spitzensportler. Ob ich da – wenn man mich schon einlädt – vielleicht auch einen Blick in die Zentrale werfen könne? Heidegger lachte. Ich auch.

Als Blogger (oder Journalist – die Unterscheidung, das sage ich sowohl als Schreiber als auch als PR-Mensch der ständig mit beiden Gattungen zu tun hat, ist längst obsolet. Sowohl was die Ansprüche an Qualität der Produkte als auch Berufsethos, Ausbildung, Reichweite, Bezahlung und redaktionelle Integrität und Transparenz angeht. Da gibt es auf beiden Seiten hin und wieder noch ein wenig Licht – aber fast überall extrem viel Schatten) hat man es ja ungefähr genauso schlecht wie als Reisejournalist.

Die Anreise per gesponsertem Direktflug nach Altenrhein ist dem Gastgeber ebenso Anliegen…

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©Tom Rottenberg

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©Tom Rottenberg

… wie die adäquate Unterbringung: Direkt am See. Ruhig. Idyllisch. Das ideale Kontrastprogramm zu dem, was ich daheim tagtäglich um die Ohren und vor dem Fenster habe:.

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@Tom Rottenberg

Manchmal ist das Nichts großartig. Und umso schöner, je mehr es nichtet: Der Bodensee an einem Freitagnachmittag im Herbst ist da genau das, wonach ich mich sehne – ohne es bewusst zu wissen. Bis ich am Ufer stehe. Und das meine ich absolut sarkasmus- und ironiefrei: Diese Ruhe und das Alleinsein am Ufer ist wundervoll, großartig und unbezahlbar.

©Tom Rottenberg

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Trotzdem: Die Wallfahrt nach Koblach stand ja auch noch an. Koblach ist seit drei Jahren Hauptsitz von Skinfit. Die 19 Jahre davor war das Label mit dem „No-Bullshit-no-Blingbling-no-Firlefanz“-Approach zum Ausdauersport in Hohenems daheim. In einer alten Spinnerei: Eine klassische Adresse für ein Textillabel in der (ehemaligen) Textil-High-End-Hochburg Österreichs: Vorarlberg.

Aber irgendwann, sagen die Skinfit-Leute nicht ohne Stolz, wächst man dann eben aus den Schuhen, in denen man zu laufen begonnen hat, raus. Und braucht mehr. Was aber nicht heißt, dass die größeren Stiefel für immer passend bleiben werden: Das Headquarter in Koblach spielt zwar funktional alle Stückerln und hat noch Reserven und Potenziale für weiteres Wachstum, aber dass auch hier in ein paar Jahren der Gipfel erreicht sein wird, ist abzusehen. So ist das halt, wenn man vom Start-Up zur fixen Instanz wird – und sich ein Image aufbaut, das nicht nur von einer Handvoll von Spinnern geschätzt wird.

©Tom Rottenberg

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Skinfit – das ist zunächst einmal Werner Battisti. Vor 20 Jahren war er einerseits in der Textilbranche, andereseits als  Triathlet aktiv – und ständig auf der Suche nach Funktionstextilien, die tatsächlich multisporttauglich wären. Eines gab das Andere – und heute ist Battisti Eigentümer eines Labels, das mit 50 Mitarbeitern in Vorarlberg, 16 Shops in Österreich und etlichen in halb Europa einen Jahresumsatz von über 20 Millionen Euro erwirtschaftet. Den Großteil  – etwa 60 Prozent – davon immer noch in Österreich.

Das Geheimnis von Skinfit ist – unter anderem – das bedingungslose Commitment zu dem, was in der Labelkommunikation „simply Multisport“ heißt: „Wir wissen, dass Triathleten und Läufer meist auch andere Ausdauersportarten machen – und die bedienen wir“, erklärt Battisti.

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Reto Waeffler, Werner Battisti: der CEO und der Gründer von Skinfit. ©Tom Rottenberg

Das ist die Positivdefinition: Tri, Laufen, Langlaufen, Radfahren, Wandern, Skitouren oder Bergsport sind Disziplinen, bei denen beim Outfit Funktion lange vor Fashion steht. Und wo man bei den „Die Hards“, die die Vorarlberger als Prime-Target identifizieren und ansprechen, nachgerade traditionell ganz bewusst auf reduziertes Design und teils minimalistische Farbenvielfalt setzt.

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©Tom Rottenberg

„Was für uns zählt“, erklärt Skinfit-CEO und Geschäftsführer Reto Waeffler, „ist in allererster Linie immer die Funktion.“ Und die, räumt man beim Kult-Label ein, stehe und falle bei Multi- und Ausdauersport-Disziplinen eben mit dem Körperkontakt: Dass man mitunter ein gewisses Selbstbewusstsein braucht, um sich in Skinfit-Zeug zu zwängen, wird in Koblach gar nicht in Abrede gestellt. „Aber Funktionstextilien ohne Körperkontakt sind Textilien ohne Funktion“, bedauern Battisti & Waeffler schulterzuckend – wissen aber nur zu genau, dass auch all das Teil des Images der Marke ist.

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©Tom Rottenberg

Mehr zu Geschichte, Philosophie, Strategie und den Kult um das Vorarlberger Paradelabel, das sich ganz bewusst nicht in Sport-Ketten platziert sehen will, gibt es demnächst in einem großen Feature im RONDO im Standard. Bis dahin werden aber auch die Überraschungen der nächsten Kollektion, die ich in der Thinktank-Abteilung fotografieren durfte (und jene, die ich nur im Vorbeihuschen zu Gesicht bekam) ,keine Geheimnisse mehr sein.

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©Tom Rottenberg

Aber wie gesagt: Mehr zu und über diese Austro-Marke demnächst im Standard.

Der Tag vor dem Dreiländer-Lauf

Samstag. Der Tag vor dem Wettkampf. Klassischerweise ein Tag, an dem man sich trainingstechnisch nicht mehr die Kante (ok: das tut man auch in der Woche vor einem Event insgesamt eher nicht) gibt. Aber ein bisserl Beineauslockern sollte da schon noch drin sein. Nicht viel.  20, vielleicht 25 Minuten – um das Fliegen, Sitzen und Stehen vom Vortag aus den Muskeln zu kriegen.

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©Tom Rottenberg

Ein kurzer Morgenlauf also.

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©Tom Rottenberg

Den See entlang.

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©Tom Rottenberg

Nicht wirklich überambitioniert.

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Und mit genug Verspieltheit und Energie, um die Sache nicht zu ernst zu nehmen.

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©Uschi Braun

Schließlich beginnt danach der Ernst des Lebens:

Beim Frühstück sprach mich nämlich ein Mann in seltsamem Gewande an (ja, mit einem E am Schluss): Er sei Bepe Meilenstein, erklärte er. Also jener Künstler, der den Marathon verkehrt herum abspulen werde: Start im Ziel und Ziel beim Start. „Eine künstlerische Intervention“, sagte der aus Tirol stammende Musiker, als wir uns auf den Weg zur Startnummernausgabe beim Festspielhaus machten. „Ich habe mich beim Langlaufen einmal so geärgert, dass ich ständig überholt wurde, dass ich mich fragte, wie so ein Event wohl aussieht, wenn man gegen den Strom schwimmt.“ (Mehr dazu nächste Woche in „rotte rennt„:)

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©Tom Rottenberg

Gedacht – gefragt: Der (hauptberufliche) Tuba-Spieler im Orchester eines deutschen Theaters schrieb an die Dreiländer-Marathon-Macher – und „hatte zu meiner Überraschung nach drei Tagen eine Antwort: Sie wollten das mit mir durchziehen.“ Also wird Pepe mir wohl morgen entgegen kommen. Irgendwann. Im Frack – aber barfuss. Es ist übrigens sein erster Marathon. „Aber ich laufe immer barfuss. Und alle Bergtouren, die wir machen, sind Barfuss-Touren.“

Zum Standardprogramm am Tag vor dem Lauf gehört die Startnummernabholung. Und das „Hallo“-Sagen bei den Gastgebern – auch wenn die im Vorfeld eines solchen Events wahrlich Anderes zu tun haben, als Smalltalk zu führen.

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©Tom Rottenberg

Trotzdem nahm sich Dieter Heidegger die paar Minuten. Auch, um uns nochmal ein paar Meilenstein-Details zu verraten: „Wir hätten eigentlich erwartet, dass es von Seiten der Läufer negative Reaktionen gibt: Da kommt euch immerhin plötzlich wer auf der Strecke entgegen. Natürlich nicht einfach so, sondern abgesichert. Trotzdem irritiert das. Aber: Bisher haben wir nur positives Feedback.“

Eine andere Frage konnte Heidegger nicht wirklich beantworten: Heuer laufen am Bodensee 140 Isländer. In Relation zur Gesamtbevölkerung des Landes gesetzt, entspräche das wohl 60.000 Norwegern oder Schweden. „So wirklich wissen wir nicht, warum die da  kommen – aber wir freuen uns enorm.“ Eventuell, überlegt man am Bodensee, könne man ja dem Rätsel bei einem Gegenbesuch in Reykjavik auf die Spur kommen: Der Marathon dort soll sehr fein sein.

Viel mehr Zeit hatte Heidegger nicht: Samstag ist auch Kinderlauftag. Und Kinder verdienen beim Sport die gleiche, wenn nicht sogar mehr Aufmerksamkeit und professionelle Betreuung wie (respektive: als) Erwachsene. Und der Moment, wenn die Kids durch die Festspiel-Tribüne fliegen, ist jedes Mal wieder schön. Nicht nur für die jungen Läuferinnen und Läufer und ihre Eltern – für alle: Ein weiteres Standalone eines Events mit vielen Standalones.

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©Tom Rottenberg

Und auch, wenn ich da heuer nur die Halbdsitanz laufen darf: Ich freu mich jetzt schon drauf. Und kann ja wiederkommen.

(Wie der Lauf gewesen sein wird erzähle ich Ihnen dann in ein paar Tagen im Standard-Laufblog „Rotte rennt„. Bilder und ein paar Impressionen gibt es aber vielleicht schon davor – und genau hier.)

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©Tom Rottenberg