Dusika – eine Reizüberflutung

Dusika – eine Reizüberflutung

Trainingdiaries: Tracktraining im Dusika Stadion. Zwischen Olympioniken und Spaziergängern, Reizüberflutung und Bankrotterklärung

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©Tom Rottenberg

Irgendwann gewöhnt man sich dran: Oben fliegen die Bahnradfahrer durch die Zentrifuge. Links und rechts schrammen Sprinterinnen und Sprinter an der Schallmauer. Ein Stück weiter innen stechen Stabhochspringer senkrecht gen Himmel, während ein paar Meter weiter die Hürdenläufer nach ihren Kurzstrecken-Explosionen mit einem lauten Knall in die blauen Brems- und Begrenzungspölster krachen – und sie dabei jedes Mal ein paar Zentimeter weiter auf die ovale Laufbahn schieben.

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Doch die Turnerinnen am Balken lassen sich davon ebensowenig irritieren, wie die Bodenturner, die Salti und Schrauben über und ins Mattengeviert stellen. Und die Kinder, die ein paar Schritte weiter am Reck turnen oder sonstwas tun, sind sowieso in ihrer eigenen Welt – wenn sie nicht gerade wegen eines Wettkampfes, bei dem dann die Kugelstoßer ihre Plätze besetzen, draussen, im kalten Foyer unter den Betonzugängen auf die Tribünen trainieren.

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©Tom Rottenberg

Neben den Läufern auf der dort improvisierten Kurzbahn, den Hochspringern unter dem Stiegenaufgang und den „Race Runnern„, den Behinderten, die hier – draussen, im zugigen Vorraum, in ihren Spezial-Rollstühlen zum ersten Mal ein paar Meter mit der Kraft ihrer Beine und Füße weiterkommen – und deren Hingabe und Freude sogar den abgeklärtesten, coolsten Elite-Sportlern einen respektvollen Gänsehautschauer den Rücken runterrieseln lassen.

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Das Dusikastadion ist eine Welt für sich. 5500 Sitze – die kaum je voll besetzt sind. Österreichs einzige Radbahn. Und Ostösterreichs einzige fixe Leichtathletik-Halle mit Laufbahn: Hier trainieren Olympioniken. Hier trainieren Spitzensportler. Hier trainieren Hoffnung & Nachwuchs. Hier trainiere aber auch ich – und Leute, die gerade mal eine Spur besser, gleich gut oder manchmal sogar ein wenig langsamer sind.

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Klingt gut. Ist es auch. Aber nur für die „Athleten“ meiner Preislage: Neben und mit Leuten wie Lemawork Ketema, Andreas Vojta oder Valentin Pfeil auf der Bahn zu stehen, ist natürlich motivierend. Von ihnen überrundet zu werden ehrenvoll – und alles andere als eine Niederlage. Für mich.

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Aber für die Top-Leute?

Stellen Sie sich vor, das ÖSV-Abfahrtsteam müsste sich beim Training zwischen Schulskikurs-Kindergruppen durchwuzzeln. Oder die ÖFB-Nationalelf im Käfig im Beserlparkspark zwischen den Kids aus dem Gemeindebau kicken – aber die spielen nicht nur Fußball, sondern gleichzeitig auch Basketball. Fahren mit Scootern und Skateboards kreuz und quer über den Platz. Und ein paar Crossfit-Freaks machen Klimmzüge auf der Torstange.

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Oder Niki Lauda testet – in seiner besten Formel 1-Zeit – Reifen und Motoren am Verkehrsübungsplatz. Natürlich dann, wenn Fahrschüler dort ihr erstes mal anfahren üben.

Stellen Sie sich das vor. Bildhaft. Und dann lassen sie nicht nur diese Bilder auf sich wirken. Sondern fragen sie, wieso Österreichs Leichtathletik- und Turn-Elite nicht an anderen Orten als wir „Hobetten“ trainiert – und genießen die Antwort: Den anderen Ort gibt es nämlich nicht. Es wird ihn auch nicht geben. Nicht nur „nicht so bald“ – sondern gar nicht.

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Aber: Olympische, europäische und Weltmeisterschaftsmedaillen sollen die Athleten, bitte, gefälligst schon holen. „Unsere“ Athleten – zu Ehren der Nation. Der Sportnation Österreich – was immer auch damit gemeint sein mag.

Wie das unter solchen Bedingungen gehen soll? Fragen Sie nicht mich. Fragen Sie nicht die Sportler. Nicht ihre Trainer. Nicht die Vereine: Die reissen sich nämlich alle einen Haxen aus und die Ärsche auf. Fragen Sie dort, wo Entscheidungen über Strukturen und Prioritäten getroffen werden. Wo sich korpulente ältere Herren in der Sonne sportlicher Erfolge Anderer sonnen und sich damit berühmen wollen – aber nicht das Geringste dafür tun: Jedes drittklassige US-College bietet seinen Sportlern bessere Bedingungen. Fordert nicht nur, sondern fördert. Und zwar ernst zu nehmend.

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Es ist eine Frage der Werte. Der Wertigkeiten. Des (politischen) Horizontes, der über Skifahren und Fußball hinaus zu gehen vermag oder wagt. Und eigentlich gar nicht mein Thema heute:

Eigentlich wollte ich vom Lauftraining auf der Bahn in der Halle erzählen. Darüber, dass ich fast jeden Dienstag mit meinem Coach Harald Fritz und seinem und unserem Verein, dem „Team Ausdauercoach“, hier bin und das ziemlich super ist. Super anstrengend. Und super schön.

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Aber irgendwie wird dann, wenn ich im Dusikastadion stehe und mich die Reize von 1001 Sportarten auf viel zu engem Raum überfluten und erschlagen, jedes Mal eine ganz andere Geschichte draus. Diese hier nämlich.

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Aber vermutlich ist die eh relevanter als mein kümmerliches Im-Kreis-Joggen zwischen und mit Athleten, die hier unter inakzeptablen Bedingungen trainieren.

Und dennoch das Beste draus machen. Wissend, dass da so viel mehr möglich wäre – wenn man sie ließe.