Max Rottenberg. Für meinen Vater

Max Rottenberg. Für meinen Vater

Normalerweise poste ich meist Belanglos-Nettes. Nichts, was wirklich wichtig ist.
Diesmal nicht. Denn heuer, am 11. April 2017, wäre mein Vater, Max Rottenberg, 100 Jahre alt geworden. Ich habe diesen Text an seinem 100. Geburtstag geschrieben und auf Facebook gestellt – aber hier ist er vielleicht besser aufgehoben & zu finden.

Mein Vater, Max, wuchs in Wien auf. 1938, nach dem „Anschluss“ musste er – besser: konnte er noch – vor den Barbaren flüchten. Frankreich. Dann Palästina. Seine, meine, Familie hatte weniger Glück. Die Spur seiner Mutter, meiner Großmutter, verliert sich auf den Todesmärschen zwischen den Vernichtungslagern.

Mein Vater konnte und wollte nicht zusehen: Als Soldat der britischen Armee nahm er am Afrikafeldzug teil. Kam über Sizilien und Italien zurück nach Österreich.

Er blieb – trotz allem was seiner, meiner, Familie angetan worden war.
Geschichte, der Holocaust, verliert alles Abstrakte und Ferne, wenn es nicht um Zahlen, sondern um deine Großmutter geht. Seine Mutter. Der Horror wird greifbar und persönlich, bleibt aber trotzdem unverständlich, wenn der Name der deiner Großmutter beim Besuch von Yad Vashem plötzlich vor dir steht.

Aber mein Vater kam zurück – und blieb.
Ohne zu hassen – obwohl er jedes Recht dazu gehabt hätte.
Ohne Rache zu verlangen – obwohl das die natürlichste Reaktion gewesen wäre.

Er blieb – und wurde Lehrer. Weil er nach vorne sah. Und nur eines wollte: Dass das, was er – aber auch seine Mutter und Millionen andere Menschen – erlebt hatte, nie wieder und niemandem, egal woher, egal welcher Religion, egal welcher Weltanschauung, passieren möge. Passieren dürfe.

Daran hat er geglaubt. Dafür hat er gelebt.
So hat er uns – meine Geschwister und mich – erzogen.

Dafür bin ich ihm dankbar – und darauf bin ich stolz.
Obwohl ich nichts zu alledem beigetragen habe.

Ich kann nur eines tun: Davon erzählen.
Weil Menschen erst dann tot sind, wenn sie und das, was sie getan haben, vergessen sind.

max rottenberg

  • Hochachtung!

  • Warst du schon mal Yad Vashem? War im April zwar in TLV, aber nachdem Kern plus Delegation da war, anläßlich Holocaust-Gedenktag, habe ich es im ganzen Rummel für das nächste Mal aufgehoben. Derzeit macht die erste weibliche Freiwillige dort Gedenkdienst.

    LG
    Pete

    • ja. ich war dort. es war grauenhaft – und gerade deshalb so wichtig.