Wegelagerer in Favoriten: Lost in Translation

Wegelagerer in Favoriten: Lost in Translation

Der Moment, in dem du an einer dunklen Ecke im tiefsten Favoriten von drei Gestalten aufgehalten wirst.

„Du – stehenbleiben! Ja Du!“
Es gibt Situationen, die sortiert man nicht zwingend unter „angenehm“ ein. Etwa wenn man um 22.30 Uhr einen kleinen, unbeleuchteten Beserlpark in einem der weniger hippen Ecken des ohnehin nicht so hippen zehnten Bezirkes durchquert, sich aus der Dunkelheit drei Halbwüchsige mit Hoodies & Schirmkappe in den Weg materialisieren und sich im Dreieck um dich aufstellen.

„He, Alder, hörst du? Ich red’ mit Du.“

Der Kopf wirft das Notfallprogramm an: Das iPhone hab ich in der Hand. Soll ich es einfach rüberreichen? Das erspart ihnen Arbeit und mir – vielleicht – Schmerzen.
Andererseits: Das hier ist Wien. Ich fürchte mich auch anderswo nicht. Nicht, solange man mir nicht das Gegenteil beweist – oder ein Messer oder sonstwas im Spiel ist.
Der vor mir hat beide Hände in den Taschen. Der links hinter mir, sehe ich im Augenwinkel, auch. Den dritten spür ich nur.
Meine Hände sind frei. Den Rucksack kann ich rasch nach vorne ziehen und als Block verwenden. Den Schlüsselbund krieg ich zur Not  aus der Hosentasche – und ein Gesichtstreffer mit einem zackigen Schlüssel … Nur: Dann sind da immer noch zwei andere. Besser einfach vom Handy verabschieden – und vorher kurz blöd stellen.

„Hi. Was gibt´s? Kann ich was für euch tun?“

„Du sagen: Was das?“

Der Vorderste legt den Kopf schief.
„Du sagen: Was das?“ Er kramt in seiner Jackentasche, zieht die Hand raus – und greift nach hinten. Zu Gesäßtasche oder Hosenbund. „Scheisse“, sagt eine Stimme in mir. „Das wird jetzt unangenehm.“

Keine  Waffe –  ein Blatt Papier. Der vor mir hält es mir vor die Nase. „Du wissen, was ist?“

Ich schaue sehr doof drein. „He, du lesen? Was da steht? Du sagen!“

Der Zettel ist eine amtliche Vorladung: Polizei, Einvernahme, Staatsanwaltschaft lese ich. Und denke, „Jungs, was soll der Scheiss, bringen wir es doch einfach hinter uns.“

Der vor mir zeigt auf das Fettgedruckte: „Du lesen! Verstehen das?“

Da stehen zwei Begriffe. „Körperverletzung“ und „Sachbeschädigung“.

Wegelagerer mit Sinn für Ironie

Die Stimme in mir meldet sich zurück: „Wow, die geben dir also amtlich-schriftlich, was jetzt kommt. Wäre unter anderen Umständen  nicht unwitzig …“ Der vor mir schaut mich ungeduldig an: „He, Du müde? Du sagen was da steht.“

Pause. Dann – leiser – „ich nix verstehen.“

Echt jetzt? Mitten in der Nacht blockieren dir in einem dunklen Eck drei Gestalten den Weg – und dann das? Verarschen kann ich mich selbst.

Aber der Rädelsführer legt nochmal nach: „Ich nix verstehen, Freunde nix lesen.“ Pause. Dann – sehr leise – „Du uns helfen. Bitte.“

Ich glaube es noch immer nicht. Aber: Weitergehen geht nicht – so oder so. Also lese ich die Schlüsselworte laut vor: „Körperverletzung. Sachbeschädigung.“

„Was heißen ‚Sachbeschad‘?“

Die drei wechseln Blicke. Nicken beim ersten Wort, legen beim zweiten die Stirn in Falten, wiederholen das Wort: „Sachbeschäd. Was ist? Was heißen ‚Sachbeschad‘?“

Ich erkläre: „Wenn du was kaputt machst.“

Ein verstehender Blick: „So Auto Spiegel weg? Tritt in Tür? Reifen mit Messer?“

Jetzt nicke ich.

Die drei haben verstanden. Reden aufeinander ein. Dann wieder zu mir:
„Was geht Polizei an? Ist Sache unter uns. Nix Polizei.“

Ich zucke mit den Schultern.

„Wir jetzt gehen Polizei. Erklären. Nix böse.“

Ich schaue auf die Uhr: „Jetzt? Euer Ernst?“

Der Vorderste wieder: „Wenn Polizei sagen kommen, dann kommen. Immer. Sofort.“
Noch einmal konferieren sie untereinander.
„Du kommen mit! Wir nix gut Deutsch. Du übersetzen. Du erklären. Aber: Wir nix Verbrecher, wir nix böse.“

Stimmt. Aber den Versuch, zu erklären, dass es auch auf den Auftritt ankommt, erspare ich mir: Was können die drei für meine Vorurteile?

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