Und es bewegt sich doch: Das Garmin Varia Radar (Bundle) im Test

Und es bewegt sich doch: Das Garmin Varia Radar (Bundle) im Test

Im Standard schrieb ich, dass mein Garmin Varia Radar nicht funktionierte. Das stimmt nicht: Das Teil arbeitet gut & zuverlässig. Man muss lediglich die Überlistung der Kunden durch den Hersteller rücküberlisten.

Garmin Varia Radar

©Tom Rottenberg

Ich widerrufe. Denn das Ding funktioniert. Und zwar zuverlässig, präzise und idiotensicher. Bei Tag und Nacht, bei Sonne, Regen und Schnee – und auch im Nebel. Und nicht nur beim Radfahren – sondern auch beim Spazierengehen, in der U-Bahn oder beim Aus-dem Fester-Hausmeistern: Einschalten. In Richtung der potentiellen Gefahr richten. Warten bis die Punkterln auftauchen  – und näher krabbeln: Genau so steht es in der Pressemappe. Genau so sah es bei der Präsentation aus. Genau so beschrieben 1001 Kollegen – vom Rainmaker bis zur Hintertupfinger Radgazette – das Werkel. Und genau so habe ich das Ding nicht zum Laufen gebracht: In meinem Outdoor-Spielzeug-Testgelände auf derstandard.at habe ich deshalb ge- und beschrieben, dass und wie ich das Bike-Radar von Garmin nicht zum Laufen brachte.

Kurz zusammengefasst: Im Herbst schickte mir Garmin das „Radar Bundle“. Das weltweit erste Rear-View-Radarsystem für Radfahrer. Eine Gerätekombo, die als intelligentes (also aufs Tageslicht reagierendes) Rücklicht plus Rückspiegel-Radar konzipiert ist. Das Radar-(und Licht)-Teil erkennt, hieß es, sich nähernde Fahrzeuge ab 140 Metern – und schickt die Infos an jenes Gerät, das man am Lenker montiert hat: Entweder das „Radar-only“-Teil oder ein mit dem Radar kompatibler Bikecomputer. (Garmin legte mir den Edge 1000 dazu.)

Garmin Varia Radar

©Tom Rottenberg

Auf dem jeweiligen Display werden sich nähernde Autos als Punkte in einer Lichtleiste angezeigt: je weiter unten, umso weiter weg. Mehrere Punkte bedeuten mehrere Autos. Und je näher sie kommen, umso weiter nach oben wandern die Punkte. Zusätzlich dazu zeigt ein Punkt in Ampelfarben, ob die Situation safe, brenzlig oder gefährlich ist. Optional gibt es auch noch Alarmgepiepse und – beim „echten“ Bikecomputer – eine Änderung der Display-Hintergrundfarbe.

Ein simples System. Selbsterklärend. Man kann da nix falsch machen: Das las ich nicht nur in den Rezensionen (eben etwa bei der von DC Rainmaker) – das sah ich auch mit eigenen Augen. Auf der ISPO, wo man mir das System am Garmin-Stand ausführlich zeigte und erklärte. Und auch offen erklärte, wo dieses Ding keinen Sinn hat: Bei Stadtradfahrern. Weil es im Cityverkehr nur irritieren würde, permanent mit Lichtpunkten darauf hingewiesen zu werden, dass in der Stadt eben auch andere Verkehrsteilnehmer unterwegs sind.

Ungesagt – aber allen klar – blieb das, was auch in keiner Rezension fehlt: Das Radar schützt nicht davor, abgeschossen und über den Haufen gefahren zu werden. Es sorgt auch nicht dafür, dass Autofahrer Sicherheitsabstände einhalten: Es warnt lediglich. Macht alert. Beugt dem Erschrecken vor. Das kann, muss aber nicht vor Unfällen schützen – weil es die Reaktionszeit des Radfahrers verkürzt. Mehr nicht. Und: Ja, man kann da jetzt durchaus drüber diskutieren, ob das nicht mehr irritiert als informiert – und wird zu keiner Lösung kommen. Weil das von Radfahrer zu Radfahrer unterschiedlich ist.

Garmin Varia Radar

©Tom Rottenberg

Garmin hatte das Teil im Herbst 2015 präsentiert. Und die Hardcore- und Szene-Medien beschrieben das Radar-Ding auch brav ab Mitte Oktober. Ich nicht: In General-Interest-Medien ist der Fokus des Publikums da längst weg vom Bike. Ich würde, sagte ich den Garmin-Leuten, deshalb aufs Frühjahr warten.  „Klingt sinnvoll“, kam von Garmin.

Das Frühjahr kam – und ich fuhr zum Radfahren in die Toskana: Scott hatte eingeladen, die aktuellen Road- und Mountainbikes auszuprobieren. Eine gute Gelegenheit, auch das Varia-Radar-Kit auszuprobieren.

Garmin Varia Radar

©Tom Rottenberg

Der Anfang war vielversprechend: Garmin Edge und das Radar-Teil (RTL 501) fanden einander auf Anhieb und verbanden sich auch sofort miteinander. Am Display des „Edge“ erschien rechts oben das „Radar“-Logo. Und beim Einschalten des RTL 501 erschien auf dem Edge-Display auch die Nachricht, dass da jetzt ein intelligentes Licht-Netzwerk eingerichtet werde. Das Rücklicht leuchtete auch sofort: Laut Betriebsanleitung müssten ab dem Start einer Trainingssession jetzt die Auto-Punkte am Displayrand auftauchen. Fein!

Garmin Varia Radar

©Tom Rottenberg

Bloß: Nix da. Kein Punkte. Kein Piepen. Kein Nix. Neustart. Nix. Nochmal. Nix. Nochmal – diesmal mit dem Manual in der Hand: Alle Anzeigen und Verbindungen sagten „passt“ – aber dann kam nix. Meine Journalistenkollegen von den „echten“ Fachzeitschriften wurden ungeduldig: Wir wollten fahren. Na gut. Unterwegs diskutierten wir: Ein paar hatten das Gerät schon getestet. „Das at sofort funktioniert.“ Bei der ersten Rast beugten sich drei Männer über das Teil: Nix.

Lag es vielleicht am „Edge“? Am nächsten Tag nahm ich deshalb das Radar-Only-Display-Teil (RDU) mit an den Start. Gespannt beobachteten wir – ich, drei Fach-Kollegen und mehrere Techniker eines Fahrrad-Herstellers sowie eines Schaltgruppen-Herstellers, wie sich RTL 501 und RDU miteinander verständigten: Die Lichter sagten, dass das Radar nun funktionsbereit sei. Aber dann: Nix. Jeder von uns brachte ein oder zwei Varianten und Optionen ein – aber das Ergebnis blieb gleich. (Nebenbei: Der „Edge“ funktionierte – abgesehen vom Radar-Suplement – super.)

Garmin Varia Radar

©Tom Rottenberg

Und genau das schrieb ich dann in meinem Testbericht im Standard.

Ein paar Tage später kam ein Mail. Nicht von Garmin, sondern von einem Leser: Ob ich das Gerät den Upgedatet hätte? Ich überlegte nicht lange: Nein. Ich hatte die Geräte zwar auf meinem Garmin-Web-Account registriert – aber ein generelles Netzwerk-Problem in Italien hatte schon das zu einer stundenlangen Prozedur gemacht. Das Update des „Edge“ hätte – so war am Computer angezeigt gewesen –  361 Stunden gedauert. Das des Radar-Teils 36. Da alle Funktionen des Edge aber klaglos liefen, die Verbindung mit dem RTL 501 sofort geklappt hatte und ich via Edge sogar in die Detail-Einstellungen des Radar-Teils gekommen war, hatte ich mir keine Gedanken gemacht.

Noch dazu, wo das RTL 501 und Varia RDU ja als „Bundle“ verkauft werden, einander ebenfalls erkannt und begrüßt hatten – und in der Betriebsanleitung ausdrücklich steht, dass die Geräte beim „Bundle“ bereits „gematcht“ ausgeliefert werden: Alle Geräte waren im Herbst gemeinsam für den Test verschickt worden. Und kommunizierten ja auch brav miteinander. Also müssten sie … und so weiter. Dachte ich. Dachten die Fach-Kollegen. Dachten die Bike-Techniker. Und lagen falsch.

Nach dem Mail des Lesers versuchte ich es noch einmal. Zunächst ohne Update: Alles lief exakt so ab, wie in der Toskana. Dann ließ ich die Dinger eingeschaltet am Tisch liegen, bis die Akkus leer waren. Lud alle Geräte auf – und zwar über den Rechner. Dann sagte ich „Update“ – und koppelte die Geräte neu miteinander.

Garmin Varia Radar

©Tom Rottenberg

Auf den ersten Blick sah ich keinen Unterschied: Die „Verbunden“ und „Bereit“-Anziegen, die Settings und alles andere sahen exakt so aus, wie in der Toskana. Dann hielt ich das RTL 501-Teil zum Fenster (vierter Stock) hinaus. Und – BINGO! – sowohl auf dem „Edge“ als auch am RDU poppte je ein Lichtpunkt auf, als am Ende der Gasse ein Auto einbog: Luftlinie war der Wagen mindestens 120 Meter von mir entfernt – aber das Radar erfasste ihn. Hallelujah!

Am nächsten Tag ging ich Rad fahren. Mit Radar. Es funktionierte tadellos. Zeigte Autos, Straßenbahnen, Busse, LKWS und Motorräder brav an – und zwar immer dann, sobald sie näher kamen. Sogar schnellere Radfahrer werden angezeigt. Gut so.

Garmin Varia Radar

©Tom Rottenberg

Freilich: der Abstand, der von Edge & RDU als „gefährlich“ interpretiert wird, ist ein bisserl gar fahrschul-theoretisch. Ich habe es zwar nicht nachgemessen, aber etwa ab 60 Metern Abstand  schaltet das Warnlicht von gelb auf rot. Das entspricht vermutlich irgendwelchen Reaktions- und Anhaltewegberechnungen, haben aber mit dem, was auf der Straße in Wirklichkeit als „Gefahr“ bewertet wird, genau gar nix zu tun. Und: mit wieviel (eher: wiewenige) Seitenabstand ein PKW dann vorbei presst, kann das Gerät ohnehin nicht berechnen. Oder – in einem Zeitaum, in dem man sich noch durch einen Satz in den Graben retten könnte – anzeigen. Wie auch?

Darum ist mein Fazit angesichts des funktionierenden Gerätes ziemlich ident mit dem, zu dem auch all meine Kollegen kamen: Ja, das Tool funktioniert hervorragend und präzise. Und es gibt sicher Straßenradfahrer, die die Auto-Radarwarnung als Bereicherung sehen und es als wichtige Information werten, zu wissen, ob und wie viele Autos hinter ihnen sind. Nur: Was macht dieses Wissen für mein Fahrverhalten für einen konkreten Unterschied? Im schlimmsten Fall fürchte ich mich. Im besten lasse ich mich auch von den näherkommenden Fahrzeugen eben nicht an den äußersten Rand drängen, sondern fahre so, dass ich immer noch eine genügend große Sicherheitsreserve nach rechts habe. Und muss dennoch einfach darauf vertrauen, nicht abgeschossen zu werden.
Nur: So fahre ich ohnehin. Auch ohne Radar.

Garmin Varia Radar

©Tom Rottenberg

Das Garmin Varia Radar-Bundle gibt es ab etwa 250€ online.

Den Garmin Edge 1000 ab etwa 500€

Kommentare

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  • Gerald Puntigan sagt:

    Ich verwende das Garmin Varia Radar mit dem Edge 1000 auf dem Rennrad….funktioniert bestens, aber bei längeren Touren über 4 Stunden was ja beim Rennradfahren fast normal ist, ist der Akku beim Radar leer.
    Das ist bei diesem Preis leider sehr ärgerlich.

  • Christian sagt:

    Ohne jetzt Strassenradler zu sein: Ich könnte mir vorstellen, das man normalerweise eher strassenmittig fährt und mit dem Ding kann man Autos dann ein wenig mehr Platz geben…. Aber wie gesagt, wenn ich Radl, dann im Wald..

    • thomas sagt:

      und genau das macht es dann uU gefährlich: als straßenradler wirst du ohnehin ständig an den rand gedrängt. sich da wegen eines sich nähernden fahrzeuges (bei dem du nicht mal weisst, wieviel seitenabstand es halten wird), präventiv extra an den rand zu kleben, führt dazu, dass autofahrer „lernen“, von sich aus nicht auf den seitenabstand zu achten.
      und dann wird es echt gefährlich.
      versteh mich nicht falsch: ich fahre nicht mutwillig in der fahrbahnmitte oder blockiere die straße absichtlich. aber auch beim motorradführerschein lern man nicht ohne grund, dass man sich seine fahrspur so wählt, dass das eigene, subjektive sicherheitsgefühl damit gut zurecht kommt. und dann hält man diese spur.

      • Gerhard sagt:

        Gewinn:++++:
        – Güterwege, Waldweg, wo wenig Verkehr ist, immer dort wo wenig Verkehr ist, ohne das Varia hab ich immer mal erschrekt wenn da plötzlich einer hinter mir war, jetzt seh ich das, fertig und mache ihm selbstverständlichganz rects Platz zum überholen