Maturatreffen

Maturatreffen

Ein Zufallstreffen. Irgendwo.

„Hej, bist das Du? R.? Wahnsinn!“

„Du erinnerst Dich aber schon. Der X. Aus Der anderen Klasse. Damals, im Gymnasium. Wahnsinn, ist das lange her. Gut schaust Du aus.“

„Was machst denn grad so? Wir haben uns ja alle aus den Augen verloren. Dich hab ich ab und zu am Radar aufblitzen sehen. Bist immer noch so umtriebig? So viel unterwegs? Auf 50 Kirtagen gleichzeitig?“

„Ich hab es ja ruhiger angelegt. Arzt. Passable Karriere. Einer von denen, denen es um Patienten geht – da wirst nicht reich. (lacht) Aber es gibt viel zurück. Ich würde es nicht anders machen, wenn ich nochmal die Wahl hätte. Du?“

„Sag, hast Du eigentlich Kinder? Ich hab zwei. 15 und 12. Ich sag Dir: ich büße für alles, was ich meinen Eltern angetan hab. Doppelt. Dreifach. Trotzdem: es ist schön.“

„Aber Du schaust gut aus. Jünger als wir sind. (Lacht) ich weiss ja, wie alt wir wirklich sind. Und manchmal spür ich es auch. Oh ja. (Lacht) Es sind die Kleinigkeiten: Wenn Du vom neuen Kellner oder im Fitnesscenter gesietzt wirst. Wenn Musik zu laut ist. Wenn Du einmal bis zwei unterwegs bist und das ganze Wochenende zum Regenerieren brauchst…“

„Ja, das kenn ich mittlerweile auch: größere Schrift am Handy. Mehr Kontrast. Ich hab sogar eine Lesebrille. Aber das ist ein Geheimnis.“

„Ist schon komisch. Gestern waren wir noch Kinder. Hatten ewig Zeit. Und jetzt geht es jedes Jahr, jede Woche schneller.“


„Ich hab letzte Woche Geburtstag gehabt…“

„Danke. Aber weisst, die Zahl ist mir eigentlich egal. An sich. Ich fühl mich nicht so alt. Da lass ich mich nicht fertig machen. Das ist nur eine Nummer.“

„Aber weisst, was schlimm ist: zu akzeptieren, dass das schon die zweite Halbzeit ist. Das ist echt hart für mich: Was war denn in der ersten überhaupt los? Wir sind noch nichtmal wirklich am Spielfeld – und es geht schon Richtung Nachspielzeit? Echt heavy. Wo ist die Zeit hin? Wo der Resetbutton?“

„Nein, es war eh gut so wie es war. Aber dass man mittlerweile auf mehr zurückschaut, als man vor sich hat…“

„Ich würd schon gern wissen, wie es den Anderen geht. Ergangen ist. Wer was wie erlebt hat. Leben die alle überhaupt noch? Weisst Du das?“

„Hm. Echt?“

„Heftig. Aber das ist das Leben. Und es sind verdammt viele Jahre.“

„Ja, ich hab auch grad nachgerechnet. 30 werden es heuer: 30. Maturajahr. Vor 30 Jahren haben sie uns auf die Welt losgelassen. Und was haben wir damit getan? Was hatten wir für Träume? Für uns selbst, für die Welt – und was haben wir draus gemacht?“

„Irgendwie erschütternd. 30 Jahre. Und wir haben echt nicht mehr geschafft? War es das wirklich?“

„Du, ich muss weiter. Weisst eh: Hamsterrad. Termine. Was wir alle nie wollten. Aber es hat uns. Irgendwann erwischt es jeden.  Und wenn es Dich hat, hat es Dich. So ist das halt.“

„War fein, Dich wieder mal zu sehen. Aber: 30 Jahre… irgendwie pack ich das grad nicht. 30 Jahre…“

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