„Friday, I’m in love …“: Der Saucony Freedom ISO im Test

„Friday, I’m in love …“: Der Saucony Freedom ISO im Test

Saucony bringt mit dem Freedom ISO einen Schuh auf den Markt, der mich umhaut: Es begann am Freitag – und es war Liebe auf den ersten Schritt.

Eigentlich hasse ich sowas ja. Und zwar auf der ganzen Linie: Werbetexten ist es immanent, dass sie überzogen, übertrieben und überwasauchimmer sind – und man sie deshalb bedenkenlos ignorieren, kübeln oder sonstwie geringschätzen darf.

Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmen würde, was da an grandios-revolutionärem Geschwafel auf den „Waschzetteln“ drauf steht, die die Marketingleute dem schlichtesten Produkt ohne Scheu und Skrupel beilegen, wären nicht nur Blähungen, Schuppen, Zahnbelag und beim Waschen vergilbende Textilien längst aus der Welt geschafft, sondern auch Wale und Klima gerettet: Weltfrieden, here we come – „Wolke 7“  for everyone.

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©Tom Rottenberg

Als geübter Konsument und Rezensent weiß man aber, was von derlei Geschwurbel zu halten ist. Wenn auf dem Beipacktext zum neuen Schuh dann „Starts amazing – stays amazing“ steht, zucke ich nicht einmal mit der Wimper: Ja eh, Marketingfuzzi-Werbetexter, rede & schreibe nur – vermutlich bist du aus eigenem Sitz-Verschulden 140 adipöse Kilo schwer, schaffst es grad vom Sofa zum Bier – und kennst Laufen nur von der Hoffnung, dass wer anderer für dich dem Bus nachsprintet und sich in die Tür stellt, bis du die sieben Meter zur Haltestelle schnaufend geschafft hast. Schreib ruhig wasauchimmer über einen Laufschuh, den du im Stehen an deinen Füßen gar nicht siehst. Fettwanstbedingt.

Außerdem liegt der „Starts – Stays“-Wisch nur im Weg rum, wenn man einen neuen Schuh aus der Schachtel nimmt: Les‘ ich später. Vielleicht.

BUMM!

Dann schlüpfte ich den Saucony Freedom ISO rein. Und: BUMM!

Es gibt solche Momente. Selten aber doch: Augenblicke, in denen man vollkommen unvorbereitet in etwas hineinstolpert oder auf etwas stößt, das man weder so noch auch nur annähernd so erwartet hat: OK, da ist also ein neuer Laufschuh. Wie so viele zu Saisonbeginn. Und wie so viele spielt er mit einer gelb-orange-Designkombi, fühlt sich in der Hand leicht und weich an und hat im Vergleich zu dem, was immer noch Laufschuh-Mainstream ist, wenig Sprengung. Soll sein.

Ist es vermessen und überzogen, das erste Gefühl in einem neuen Schuh – noch vor dem ersten Schritt – mit jenem Lächeln zu vergleichen, über das man an den unvorhergesehensten Orten und in den abstrusesten Situationen manchmal stolpert? Und weiß – nein: spürt – dass das jetzt einer dieser besonderen Momente war. Aus denen man was machen sollte. Etwas was wichtig ist, Wert hat – und bleibt.

Blöderweise  entpuppen sich solche Lächel-Herzausreisser-Augenblicke dann ja trotz allem oft genug als totaler Flop. Oder als Missverständnis. Oder als billige Anmache mit Abzock-Hintergedanken. Aber manchmal… Und weil man das halt nur rausbekommt, wenn man sich drauf einlässt, zahlt es sich immer aus, das Wagnis einzugehen. Das Lächeln anzusprechen – im Wissen, dass das ein Reinfall werden kann. Aber in der Hoffnung … undsoweiter.

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©Tom Rottenberg

Genau so ging es mir, als ich in den „Freedom“ stieg: Weich und leicht und handschuhgeschmeidig legt sich das Obermaterial um den Fuß. Fest – aber nicht eng. Die Zunge schlau mit dem Obermaterial vernäht – und die Schnürung so, dass die obersten Ösen weder zu weit unten sitzen, noch mir in den Sprunggelenk-Übergang drückten. I like.

Die Sohle? Patschenweich. Moonbootartig soft — aber nicht schwammig oder gar schwabbelig-rutschig innen. Ein bisserl so, wie der ganz ganz weiche Nike Free: den liebe ich als Freizeit- und Alltagsschuh, beim Laufen ist er mir aber zu unspezifisch.

Und da kam auch schon die Angst. Die Skepsis: Was sich beim Anprobieren weich und wohlig anfühlt, muss beim Laufen längst nicht funktionieren. Aber das findet man nur auf eine einzige Art raus.

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©Tom Rottenberg

Am Trainingsplans stand ein mittellanger Tempowechsellauf. 15 Kilometer. Mit allem, was das Leben schön macht: Superslow bis Voll-Auf-Anschlag. Asphalt, Schotter, Wiese – und nass war es draussen auch. Für einen Erstversuch mit einem ganz neuen Schuh vielleicht eine Spur zu lang – aber so wohlig, wie mein Fuß im Schuh saß, wußte (eher: hoffte oder flehte und betete – ich wollte ja, dass dieser Schuh und ich ein Paar werden würden…) ich, dass die Blasen- oder Scheuergefahr eher gering sein würde.

Also los.

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©Tom Rottenberg

Einlaufen zählt nicht. Nie. Weil da der Körper erst aufwacht. Sich drauf einstellt, dass er jetzt ein bisserl geschunden werden wird. Sich – bis er warm ist – mitunter ein bisserl bockig stellt. Aber dafür, wie die wie die letzten Tage bei mir gelaufen waren, war eh alles easy.

Danach die Gemeinheit: Nach den beiden superleichten Aufwärmetrab-Kilometern ohne Übergang einen Kilometer voll. Meine Beine wollten noch immer nicht so recht – aber der Schuh spielte mit: Asphalt und Kopfsteinpflaster gibt es hier am Donaukanal. Aber auch bei hohem Tempo war da nicht die geringste Unsicherheit, das kleinste Rutschen zu spüren. Ruhig und dynamisch und ohne spürbaren Energieverlust beim Auftreten ging es dahin.

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Freilich: Bei höherer Geschwindigkeit läuft kaum jemand über die Ferse: Der Versuch, voll die Hacke voll in den Boden zu knallen, war zwar nicht lustig, aber auch keine echte Katastrophe: Wer so idiotisch läuft, greift intuitiv zu Schuhen mit massivem Fersenkeil – oder kommt (hoffentlich) irgendwann drauf, dass eine solide Lauftechnik sinnvoller ist, als ein schwerer Schuh, der alle Energie – und den Spaß am Laufen – schluckt.

Nach der ersten schnellen Einheit kamen sechs ruhige, langsame und lockere Kilometer. Natürlich kann man die auch „sauber“ laufen. Aber die Erfahrung und der Blick auf jede x-beliebige Laufbevölkerung zeigt, dass beim gemütlichen (Long)-Jog meist irgendwann die Faulheit obsiegt. Oder dass mittelschnellen bis -mittellangsamen Jedermann- (und -frau)-Läuferinnen nie gelernt haben, auf ihre Lauftechnik zu achten – und oft den falschen Schuh für ihren Fuß tragen. Also schlapfte und schlurfte ich.

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©Tom Rottenberg

Ich kenne meine Füße. Und weiß daher, wo meine Schwachpunkte sind: Entweder achte ich bewusst auf die Technik – oder ich nehme bei der Kombi langsam & länger Schuhe mit leichter Stütze und Führung. Steigere ich das Tempo, ist das kein Thema mehr: Durch den stärkeren Tonus laufe ich dann (halbwegs) sauber. Langsam oder müde aber ist die unsaubere Technik aber ein Thema.

Kurz gesagt: beim langsamen Schlamoig-Laufen spürte ich, dass da für meine individuelle Fehlstellung ein bisserl zu wenig Support da ist. Ob ich den Freedom also für einen gemütlichen Lauf über drei Stunden in der Grundlage nehmen würde, müsste ich von Fall zu Fall überlegen. Wobei: Das (geringe) Gewicht würde mich vermutlich auch hier zu diesem weichen Patschen greifen lassen – ein paar Lauf-ABC-Einheiten würden mir ohnehin nicht schaden.

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Nach den sechs Schneckentempo-Kilometern kam dann wieder einer auf Anschlag. Jetzt war ich warm. Und im Flow. Und: Bistdudeppad, ging der Schuh jetzt mit mir ab!

Nur zur Klarstellung: Ich bin kein schneller Läufer. Auch kein guter Wettkampfläufer. „Schnell“ ist subjektiv – für jeden was anderes. Langsam auch. Und bei diesem, meinem, „schnell“ spürte ich: Der Freedom ist meiner. Leicht, flexibel, kaum zu spüren – und doch präzise. So muss Laufschuh. Sowas habe ich vermisst, gesucht – und jetzt gefunden. Respektive: Der Schuh hat mich gefunden. „Willst du mit mir gehen?“ hieß das in der Volksschule. Ich will rennen. Mit diesem Schuh. Bis ans Ende der Welt – und wieder zurück.

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©Tom Rottenberg

Das spürte ich beim nächsten Teil: Aus dem Highspeed-Kilometer raus in drei Zügige. Etwa im Marathon-Wettkampftempo. Und – Hui! – ging auch das super. Ich strahlte: Was ich da an den Füßen hatte, würde – wenn da nicht noch ein paar Überraschungen auftauchen – mich heuer auf und durch alle Wettkämpfe begleiten. Über die Halb- und wohl auch die Volldistanz.

Schuhe hamstern

Mir fiel ein Sten vom Herzen: Mein alter Universal-Temposchuh stirbt nämlich aus. Der „Brooks Racer ST“ hat mich in den letzten Jahren durch dick und dünn getragen. Dass Brooks den Racer 2016 auslaufen ließ, hatte auch andere Lauf-Schreiber (etwa die Wiener Lauf-Bloggerin RunNa)  mit leichter Fassungslosigkeit zur Kenntnis nehmen müssen: RunNa hat bei einem Onlinehändler drei oder vier Paar in Reserve gehamstert. Als sie – sicher ist sicher – dann ein nochmal nachkaufen wollte, war das Lager leer: „Allem Anschein nach haben da etliche Läufer ihre Lager ebenso noch aufgefüllt.“

Aber Laufschuhe halten nicht ewig. Darum war die Frage, womit ich heuer die Langstrecke angehen würde, mittlerweile ein echtes Thema. Dann läutete Ende Jänner ein Bote an der Tür – und brachte einen Schuhkarton: Nicht ich hatte den Schuh, sondern der Schuh hatte mich gefunden. So, wie das in Beziehungen eben läuft. Ich testete den Freedom am Freitag: Friday, I’m in love

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©Tom Rottenberg

Zurück zum Testlauf: Nach den drei wundervollen Wettkampfpace-Kilometern kam nur noch ein bisserl Austraben. Quer durch die Stadt, Richtung nach Hause.

Ich beschloss, mir eine zweite Meinung abzuholen. Das mache ich öfter so. Zuletzt – als ich den Salomon Sonic probelief – war ich zu RunInc abgebogen. Den Saucony sollten also die Leute vom WeMove Runningstore begutachten. Beide Shops haben im Vorjahr eröffnet, beide setzen kompromisslos auf High-End-Beratung – und beide Läden kann ich ohne Vorbehalte empfehlen.

Bei WeMove nahm sich Werner Lichtenwörther ausführlich Zeit. Hörte sich meinen Erfahrungsbericht an. Ließ mich auf der hauseigenen Probestrecke einige Mal auf und ab laufen.

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©Tom Rottenberg

Zu guter Letzt kam er dann zum gleichen Schluss wie ich: Der Saucony Freedom ISO ist ein saugeiler Schuh. Für Neutral-Läufer und technisch saubere Läuferinnen und Läufer ist er ohne Bedenken zu empfehlen.
Weniger geübte Läufer und Menschen mit einer echten Pronationsthematik sollten aber – wenn sie diesen Schuh auch auf längeren, eher gemütlichen Longjogs laufen wollen – an ihrer Technik arbeiten. Oder für solche Läufe einen Schuh mit mehr Stütze und Führung wählen.

Das Everrund-Dings

Lichtenwörther hatte auch noch Fach-Zeugs zum Freedom parat: Der Clou des Schuhs, erklärte er, sei dass Saucony hier sein „Everrun“-Dämpfungssystem (eine spezielle Dämpfungs-Konstruktion) erstmals über die komplette Zwischensohle gezogen hat.
Ein paar weitere Gimmicks (die der Hersteller natürlich nicht so nennt) – etwa das spezielle Obermaterial-Mesh, das sich mit Sauconys Isofit-System handschuhartig um den Fuß schmeigt und ein minimalistischer Support-Frame im Fersenbereich machen dann daraus ein Ding, das Tom Hartge, Sauconys Senior Vice President stolz „Weichenstellung für ein völlig neues Laufgefühl, das es zuvor noch nicht gegeben hat“ nennt: „Wir wollen dem Läufer das Gefühl geben, ewig laufen zu können.“

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©Tom Rottenberg

An diesem Punkt bin ich dann wieder am Anfang dieses Textes angekommen: Eigentlich mag ich dieses PR-Geschwurbel nicht. Blöd nur, wenn es dann einmal doch stimmt.

Obwohl ich natürlich weiß, dass das mit dem „ewigen laufen“ so ist wie mit der „ewigen Liebe“: Ein schöner Traum. Aber: wenn man verliebt ist, dann glaubt und lebt man solche Träume. Und ich glaube, ich bin verliebt.

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©Tom Rottenberg

Den Saucony Freedom ISO gibt es in blau, orange und – in der #LifeOnTheRun-Edition – auch schwarz. Er wiegt 255 Gramm (US Größe 9) und ist mit 180€ nicht unbedingt billig.